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"Der Spiegel" Nr. 31/2008:
"Er kommt nie mehr zurück"
Der Höhenbergsteiger Hans Kammerlander, 51, über die Tragödie am
Nanga Parbat, seinen ums Leben gekommenen Freund Karl Unterkircher
und den Wahnsinn des Extrem-Alpinismus

Hans
Kammerlander
SPIEGEL: Herr Kammerlander, der Südtiroler Bergsteiger Karl
Unterkircher ist am vor-vergangenen Dienstag in der Rakhiot-Wand
des pakistanischen Nanga Parbat im Alter von 37 Jahren tödlich
verunglückt. Seine bei den Seilpartner Simon Kehrer und Walter
Nones, 29 und 36 Jahre alt, haben mit großem Glück überlebt, weil
sich der Nebel aufklarte, bevor die beiden völlig entkräftet
waren. Sie kannten vor allem Karl Unterkircher gut. War er nicht
vorsichtig genug?
Kammerlander: Nein, das kann es nicht gewesen sein. Wir
waren zweimal am nepalesischen Jasemba, 2005 und 2007, ein
schwieriger Berg, einer der schwierigsten überhaupt. Erst beim
zweiten Versuch haben wir diesen wunderschönen, 7350 Meter hohen
Schneeriesen geschafft. Da lernt man sich kennen. Karl hatte eine
ideale Einstellung. Er war mutig und vorsichtig zugleich, einer,
der bei als zu groß empfundener Gefahr den Weg zurück einschlagen
konnte. Aber ich bin erleichtert darüber, dass Kehrer und Nones
gerettet wurden. Ich war in größter Sorge um sie, weil es
schwierig geworden wäre, noch zwei, drei Tage in einer Höhe von
über 6000Metern zu überleben.
SPIEGEL: Sie waren Karl Unterkirchers großes Vorbild, heißt
es.
Kammerlander: Vielleicht vor langer Zeit. Aber er hatte
sich längst aus meinem Schatten gelöst. Auch das konnte er am
Jasemba: den Erfahrenen vorgehen lassen und von dessen Erfahrung
profitieren. Ich glaube, es gab nie Probleme mit dieser
anfänglichen Rollenverteilung, die sich dann aber auflöste.
SPIEGEL: Hat er noch Ihren Rat gesucht?
Kammerlander: Voriges Jahr rief er mich vom Basislager des
Gasherbrums, eines Achttausenders, an, wo er dann als Erster die
Nordwand auf der chinesischen Seite schaffte. Wir sprachen 15
Minuten am Satellitentelefon, und er berichtete von seinem Plan,
nach dem Aufstieg über die Nordroute zurückzukehren. Ich hielt das
für eine schlechte Idee, weil das eine Höllenwand ist. Ich riet
ihm, den Gipfel zur pakistanischen Seite zu überschreiten. Er hat
es dann auch so gemacht.
SPIEGEL: Alpinisten sprechen davon, dass es die Ära
Reinhold Messners gab, der als Erster alle 14 Achttausender ohne
künstlichen Sauerstoff bestieg, dann die Ära Kammerlander mit 13
Achttausendern ohne künstliche Luft und etlichen Weltrekorden. Nun
harte die Ära Unterkircher begonnen.
Kammerlander: Ja, er war der neue Stern am
Bergsteigerhimmel, ein Ausnahmebergsteiger. Was er 2004 vollbracht
hat, war unglaublich. Er war noch nie auf einem Achttausender, und
dann geht er erst auf den Mount Everest mit 8850 Metern und danach
den äußerst schwierigen K2, 8611 Meter hoch. Er hatte eine
wahnsinnig gute Kondition, er war knapp über 60 Kilo schwer, gut
1,70 Meter groß und toptrainiert. Karl ist plötzlich in die
Weltspitze aufgestiegen, und er harte noch Großes vor sich.
SPIEGEL: Kehrer und Nones, die beiden Überlebenden, haben
vorigen Donnerstag geschildert, dass Unterkircher vor ihren Augen
im tiefen Schnee etwa 15 Meter tief in eine Felsspalte gestürzt
sei. Er sei dabei mehrfach gegen den Fels geschlagen, sie hätten
ihm nicht mehr helfen können. Er war offenbar nicht gesichert. War
das dort nicht möglich?
Kammerlander: Ich kenne die genauen Umstände nicht. Aber
man kann sich nicht überall sichern. An manchen Orten würde die
ganze Seilschaft in den Abgrund gerissen werden, wenn einer
stürzt. Da, wo die drei Südtiroler jetzt am Nanga Parbat waren,
kann man sich in der Eiswand mit Eisschrauben sichern. Wo relativ
loser Schnee liegt, ist das nicht möglich, da hat man keinen
Fixpunkt. Dann diese mordsgefährlichen Gletscherspalten, über
denen mitunter eine dünne Schneeschicht liegt, die festen
Untergrund vortäuscht. Es ist ein ungeheures Risiko. Tritt man
darauf, geht eine Falltür auf und man stürzt 10, 50 oder 150 Meter
in die Tiefe. Wer das überlebt, läuft Gefahr, von nachrutschendem
Schnee begraben zu werden.
SPIEGEL: Ist das nicht ein grauenvoller Tod?
Kammerlander: Das glaube ich nicht, aber das bietet wenig
Trost. Wenn man von Schnee begraben ist, geht es ganz schnell. Man
ist im Schockzustand, der Puls geht hoch, im Dauerstress kann man
nicht lange leben, ohne zu atmen, und dann ist es in weniger als
einer Minute vorbei. So ein Tod ist für die Angehörigen und die
Freunde entsetzlich, aber es ist kein langsamer, quälender Tod.
SPIEGEL: Gegen diese Risiken sind auch die besten
Bergsteiger nicht gefeit?
Kammerlander: Es macht nach Karls Tod keinen Sinn, diese
unglaublichen Risiken schönzureden. Mehr als 50 Prozent der
Top-Bergsteiger lassen ihr Leben in den Bergen. Aber wir alle
gehen da hoch und sind uns sicher, wieder zurückzukehren. Ich
frage mich seit Karls Tod aber, ob dieses Restrisiko nicht zu hoch
ist.
SPIEGEL: Vor Karl Unterkirchers Tod sind Seltsamkeiten
passiert. Er hat die Rakhiot-Wand in seinem Expeditionstagebuch
als "Teufelswand" beschrieben und zum ersten Mal in seinem
Bergsteigerleben mehr Angst als Respekt vor dem Aufstieg geäußert.
Haben Sie dafür eine Erklärung?
Kammerlander: Nein. Ich habe Karl nie so erlebt. Deswegen
kann ich das nicht kommentieren. Losgelöst von Karl ist es aber
richtig, dass Angst den Kopf negativ programmiert. Zu starkes
Sicherheitsdenken zum Beispiel ist ein großer Gegenspieler des
Erfolgs. Es kann auch gefährlich sein, wenn man unsicher wird.
SPIEGEL: Früher machten Sie den Eindruck, als sei ein Toter
im Eis für Sie eine Art Betriebsunfall. Heute wirken Sie sehr
bedrückt, fast gelähmt.
Kammerlander: Es ist tatsächlich auf einmal alles anders.
Ich habe nicht nur einen hervorragenden Seilpartner, sondern einen
wirklichen Freund verloren. Ich mochte ihn sehr, und ich vermisse
ihn sehr. Und er war trotz seiner Erfolge kein Prahlhans. Niemand,
der die Erfolge anderer kleinreden muss, um sich zu erhöhen.
SPIEGEL: Etliche deutschsprachige Bergsteiger sind am Nanga
Parbat umgekommen, vor 38 Jahren starb Reinhold Messners Bruder
Günther im Alter von 23 Jahren dort. Das ist lange her. Aber Sie
müssen jetzt nicht zum ersten Mal den Tod eines Freundes beklagen.
Kammerlander: Ich habe etliche Freunde verloren. Von den
engsten Vertrauten ist kaum noch jemand da.
SPIEGEL: Als Ihr Freund Luis Brugger 2006 in einer Höhe von
6800 Metern beim Abseilen am Jasemba abstürzte, waren Sie 50 Meter
über ihm. Es war eigentlich keine gefährliche Situation.
Kammerlander: Es war reine Routinearbeit. Ich war über
einer Kante im Eis und sah Luis nicht, er stieg vor mir nach
unten. Als ich dann über die Kante hinabsah, war er weg. Einfach
weg. Wir hatten die Wand beim Aufstieg an gefährlichen Stellen mit
Fixseilen gesichert, und er hat die Sicherung, den Karabinerhaken,
von einem auf den nächsten Haken umgehängt. Dabei war er zwei
Sekunden ungesichert. In diesem Moment muss er mit einem
Steigeisen ausgerutscht und rund tausend Meter tief gestürzt sein.
Ein banaler Fehler. Ich habe nicht mal einen Schrei gehört.
SPIEGEL: Wie konnten Sie nach so einem Schock noch allein
absteigen?
Kammerlander: In so einer extremen Situation ist kein Platz
für Gedanken an den Unfall. Es geht nur ums eigene Überleben.
Furchtbar ist es dann im Basislager, wenn man zum
Satellitentelefon greift, es wieder weglegt und schließlich den
Angehörigen sagt: Er kommt nie mehr zurück. Das ist das
Schrecklichste.
SPIEGEL: Wie oft war es für Sie selbst knapp?
Kammerlander: Mehr als zehnmal. Am Ortler bin ich um
Haaresbreite einer Lawine entgangen, weil ich drei, vier Sekunden
vor einem Bergführerkollegen ging, der dann in der Lawine umkam.
Am Nuptse, gegenüber vom Mount Everest, wollten wir zu zweit ein
Zelt aufbauen, stiegen dann aber doch noch ins Basislager ab. Am
nächsten Morgen gab es den Platz nicht mehr, den wir ausgesucht
hatten. Er war bei einem Gletscherbruch verschwunden.
SPIEGEL: Man kann Ihren Wagemut bewundern. Aber ist das in
Wahrheit nicht ein Wahnsinn, was Sie und die anderen
Extrembergsteiger treiben angesichts Hunderter Kletterer, die
allein im Himalaja starben?
Kammerlander: Ich verstehe die Leute, die uns für Spinner
oder ganz und gar Verrückte halten. Ich habe nicht viel zu meiner
Verteidigung vorzubringen.
SPIEGEL: Psychologen sprechen oft von Kompensation, wenn
sie erklären wollen, was Bergsteiger antreibt. Das moderne
Alltagsleben werde von diesen Abenteurern als monoton und sinnleer
empfunden. Der Mangel gebäre Sehnsüchte nach einem urwüchsigen,
elementaren Dasein. Können Sie das nachvollziehen?
Kammerlander: Da kann ich mich wiedererkennen. Aber bei mir
gab es ein Schlüsselerlebnis. Im Alter von acht Jahren habe ich in
meinem Südtiroler Heimatort Sand in Taufers die Schule geschwänzt,
bin zwei Touristen gefolgt und mit ihnen auf den 3059 Meter hohen
Großen Moosstock, unseren Hausberg, gestiegen. Der Blick von dort
oben, der hat alles ausgelöst. Mag sein, dass aus der
Leidenschaft, die sich entwickelte, eine Sucht wurde, für eine
Zeit zumindest.
SPIEGEL: Suchen Menschen wie Sie und auch Karl Unterkircher
nicht vor allem die Anerkennung und den Ruhm?
Kammerlander: Ich habe mich darüber gefreut, als voriges
Jahr zu meinem 50. Geburtstag der Platz vor meinem Büro auf meinen
Namen getauft wurde. So etwas bekommen die meisten nicht zu
Lebzeiten. Beim Karl liegen Sie ganz daneben. Auf Ruhm kam es ihm
nicht an. Er hat hohe italienische Auszeichnungen bekommen, aber
weil ihm bewusst war, wie sehr die Italiener Auszeichnungen
lieben, hat ihm das nicht viel bedeutet. Dass er Ehrenbürger
seiner Heimatgemeinde Wolkenstein im Grödnertal wurde, das hat ihn
wirklich gefreut.
SPIEGEL: Karl Unterkircher hinterlässt seine
Lebensgefährtin Silke Perathoner, eine 35 Jahre alte Frau mit drei
Kindern, die sechs, drei und eineinhalb Jahre alt sind. Dem
SPIEGEL sagte sie, dass sie ihren Mann nie wegen seines
risikoreichen Lebens verurteilt, sondern ihn auch wegen seines
Muts geliebt habe, seine Träume zu leben. Manuela Nones, die
Ehefrau des Überlebenden Walter Nones, hat versichert, sie werde
ihn trotz der beiden gemeinsamen Kinder niemals dazu drängen, das
Bergsteigen aufzugeben. Ist es nicht gleichwohl verantwortungslos,
wenn Familienväter aus purem Egoismus in die Berge gehen und ihr
Leben aufs Spiel setzen?
Kammerlander: Gegenfrage: Kann man eine schönere
Liebeserklärung formulieren als Silke Perathoner? Wird in solchen
Worten nicht deutlich, dass Liebe bedeutet, den anderen
anzunehmen, wie er ist, und ihn sich nicht so hinzubiegen, wie man
ihn haben möchte? Silke Perathoner ist eine sehr starke Frau, sie
verstand Karl vielleicht auch, weil sie Bergsteigerin war und ihn
in einem Klettergarten kennenlernte. Karl hat bei unseren
Expeditionen von seiner Familie gesprochen, und ich habe gespürt,
wie wichtig sie ihm war. Und es war trotz der zwölf Jahre, die sie
gemeinsam verbracht haben, eine stabile, intakte Beziehung. So oft
gibt es das nicht.
SPIEGEL: Und dennoch: Riskieren diese Väter nicht das Glück
und Wohl ihrer Familie?
Kammerlander: Das ist zu kurz gedacht. Sie ernähren ihre
Familie ja auch mit dem Bergsteigen. Ein guter Bergführer verdient
in der Saison, die vier Monate dauert, 50000 Euro, das ist
immerhin so viel, wie ein Handwerksmeister bekommt. Im Winter sind
manche Skilehrer. Hat man einen Namen, findet man einen
Hauptsponsor, der um die 50000 Euro im Jahr zahlt, und vielleicht
ein paar kleinere. Und alle, die Bergführer sind, und das sind die
meisten, sind über ihren Hauptberuf mit einer Lebensversicherung
über
200000 Euro abgesichert. Das reicht nicht für ein ganzes Leben,
aber es hilft weiter.
SPIEGEL: Sie selbst haben eine vier Monate alte Tochter.
Wollen Sie trotzdem noch dasselbe Risiko eingehen wie Ihr
verunglückter Freund Karl Unterkircher?
Kammerlander: Unsere Situation ist nicht vergleichbar. Und
ich kann die Frage verneinen, weil ich alle meine Träume
verwirklicht habe. Vor mir steht keine Expedition zum K2 mehr. Den
muss man aber haben, wenn man es sich zutraut, zur Weltspitze
gehören zu können. Nach 2500 Bergtouren bin ich heraus aus diesen
Zwängen. Ich habe ein Haus, einen Weinkeller, genügend Tiroler
Speck im Haus hängen, und ich habe eine Oldtimer-Sammlung mit
einem 85 Jahre alten Ford T 4. Nun habe ich auch noch eine
Familie, obwohl ich das nie geplant hatte. Ich werde noch Touren
machen, aber nur noch zu den zweithöchsten Bergen. Die kleine Zara
zu erleben, das ist etwas unbeschreiblich Schönes.
SPIEGEL: Herr Kammerlander, wir danken Ihnen für dieses
Gespräch.

Hans
Kammerlander (2. von links) mit Karl Unterkircher (rechts) und
zwei Sherpas im Basislager des Jasemba (Expedition 2007) |