Expedition 2017

Aus am Manaslu - Kammerlander beendet Expedition

Von Walther Lücker

 

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Auf dem Weg ins Hochlager: Hans Kammerlander fand das dann irgendwann im meterhohen Schnee nicht mehr lustig. (Foto: Stephan Keck)

Es war fast absehbar. Wenn man Hans Kammerlander in den vergangenen Tagen bei den Kontakten am Satellitentelefon aufmerksam zugehört hat, konnte man es fast ahnen: Diese Expedition zum Manaslu war praktisch schon mit Erreichen des Basislagers vor knapp drei Wochen zum Scheitern verurteilt. Zumindest wussten die beiden Bergsteiger Hans Kammerlander und Stephan Keck, dass sie sehr wahrscheinlich vor einer unlösbaren Aufgabe stehen würden.

 

Am Sonntag nun die Entscheidung in den späten Nachmittagsstunden (Ortszeit Nepal). „Wir lassen es“, sagte mir Hans Kammerlander am Telefon, „es ist einfach alles viel zu riskant, die Schneemassen sind überwältigend“. Soviel Schnee habe er zuvor noch nie an einem Achttausender gesehen. Allenfalls in Alaska sei er mit solchen Massen konfrontiert gewesen.

 

Als sich Stephan Keck und Hans Kammerlander vor drei Tagen auf den Weg in Richtung Hochlager 2 machten, wurde das wahre Ausmaß erst erkennbar. Nicht nur bis zu Knie und Hüfte versanken die beiden zusammen mit den vier Sherpa. Oft steckten sie bis unter die Arme im grundlos tiefen Schnee. „Es war zudem sehr kalt“, sagte Kammerlander, „und vor allem wurde erkennbar, dass sich am Berg überhaupt nichts tut“. Das heißt, in die Schneemassen ist in den vergangenen Tagen keinerlei Bewegung geraten. Weder sind sie durch steigende Temperaturen zusammengesackt, um so einen festeren Untergrund zu bilden, noch seien nennenswert große Lawinen abgegangen, um die Hänge frei zu machen. Und auch der Wind, ein kräftiger Sturm in den Flanken, hat sich nicht gebildet. Einzig am Gipfel blies der Jet-Stream ungebändigt mit oft weit über hundert Stundenkilometern. Schon aufgrund dessen wäre ein Gipfelversuch also kaum möglich gewesen, denn für solche Winde ist der Gipfelgrat viel zu schmal und exponiert. 

 

Es war vor allem eine Entscheidung der Vernunft, die Kammerlander und Keck nun am Fuße des achthöchsten Berges der Erde getroffen haben. „Wenn man da etwas zuviel riskiert, hat man sofort einen Riesenblödsinn gemacht, der dann nicht mehr korrigierbar ist“, sagt Kammerlander. Und seine Meinung deckt sich mit der von Stephan Keck. Für eine Stunde Anstieg hätten sie am Samstag fast einen ganzen Tag benötigt. „Das macht dann irgendwann auch keinen Spaß mehr und dann wird es schwierig, die erforderliche Kraft und Überwindung aufzubringen, zumal wenn klar ist, dass es eigentlich vollkommen sinnlos ist“. Der Berg gebe heuer einfach nicht mehr her, es werde jetzt erkennbar, dass diese Expedition bei den Wetterverhältnissen dieses Jahres offensichtlich einige Zeit zu spät dran gewesen ist und deshalb zu nah an den Winter heran geraten sei. „Mehr als grenzwertig“ und somit nicht zu vertreten, ordnete Kammerlander das Risiko ein. 

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Nicht schwierig aber mühselig: Der Manaslu ist vor allem in den unteren Bereichen nicht unbedingt technisch sehr anspruchsvoll, doch bei solchen Verhältnissen steigt das Risiko weiter oben und wird irgendwann nicht mehr vertretbar. (Foto: Stephan Keck)

 

Der weitere Ablauf ist noch nicht abschließend geklärt. Alle sind wieder im Basislager vereint. Ein Teil der Filmcrew hat es bereits am Samstag verlassen, weil deren Tätigkeit erledigt war. Auch am Sonntag wurde noch einmal vom Helikopter aus gefilmt. „Wir werden jetzt sicher morgen, spätestens übermorgen hinauf in das Lager 1 gehen, um dort noch einmal zu filmen“, sagt Kammerlander. Und: „Man kann sich das gar nicht vorstellen, wie schön es jetzt hier ist. Wir haben seit zwei Wochen ununterbrochen allerbestes Traumwetter. So und vor allem so lange anhaltend habe ich das bislang noch an keinem anderen Achttausender erlebt. Jeden Tag strahlend blauer Himmel und eine Kulisse, die wirklich filmreif ist. Wir werden phantastische Eindrücke von diesem Berg mit nach Hause bringen.“ 

 

Kammerlander verspürt keinerlei Enttäuschung, nicht auf dem Gipfel gewesen zu sein, keine Reue, den Versuch überhaupt noch einmal gewagt zu haben – mit knapp 61 Lebensjahren noch einmal die Besteigung eines der höchsten Berge zu versuchen. „Ich glaube, Stephan und ich wären da ganz sicher rauf gekommen, die vier Sherpa sowieso. Wir waren ja gut akklimatisiert und in bester Verfassung. Einzig dieser unglaubliche Schnee hat uns restlos ausgebremst. Wenn wir es versucht hätten, wäre das russisches Roulette gewesen und hätte uns womöglich alle das Leben gekostet“. 

 

Damit ist das Kapitel Manaslu für Hans Kammerlander erledigt. Es wird keinen weiteren Versuch im kommenden Frühjahr geben. Auch nicht für das und im Rahmen des Filmprojektes. „Ich hatte eine schöne, sehr gute Zeit hier an diesem Berg. Das war es allemal wert. Ich habe meinen Frieden mit dem Manaslu gemacht. Vor allem bin ich  dieses Stück Weg zu Ende gegangen. Das hatte ich mir vorgenommen. Es ging eigentlich nie um den Gipfel an sich. Der wäre allenfalls ein Höhepunkt gewesen. Was ich gesucht habe, war die innere Einkehr, war, noch einmal so nah bei Friedl und bei Karl sein zu können. Das hat mir viel gegeben und damit war dieses Unternehmen für mich sinnvoll. Den Rest soll der Film erzählen“. Vor 26 Jahren hatte Hans Kammerlander bei einer von ihm geleiteten Expedition zwei seiner Bergführerkollegen auf tragische Weise verloren und war danach nie wieder zum Manaslu zurück gekehrt.

 

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Bald wieder nach Hause: Es war immer so, wenn Hans Kammerlander eine Expedition abgeschlossen oder für beendet erkklärt hat, dann gab es nur noch einen Weg, den ins Tal und möglichst rasch heim nach Südtiriol.       (Foto: Stephan Keck)

 

Wenn die Filmarbeiten in den nächsten Tagen abgeschlossen sein werden, wird die gesamte Crew der Expedition nach Kathmandu zurück kehren. Dort werden noch Formalitäten erledigt, das Expeditionsgepäck neu geordnet und dann geht es „auf dem schnellsten Weg nach Hause“, sagt Kammerlander.  

In den sozialen Medien wurde die Entscheidung von Hans Kammerlander und Stephan Keck mit großem Respekt und Anerkennung zur Kenntnis genommen. „Vernünftige Entscheidung“, heißt es dort immer wieder, dort ist von „Vernunft“ die Rede und auch, dass dies womöglich „keine leichte Entscheidung“ gewesen sei, die „Vernunft solle immer siegen“, und schließlich: „Richtig Hans, du hast weise gehandelt“. 

  1. November 2017